Frei geboren

Meine Eltern waren arm. Wir hatten
nichts.
Nur eine kleine Wohnung im Elendsviertel unserer
Stadt. Zwei Zimmer für acht Personen
Mein Vater war Hafenarbeiter.
Meine fünf Geschwister gingen noch zur Schule«

Als ich alt genug war, arbeiten zu gehen, suchte ich
mir einen Job.
Ich fand einen.
Einen schlechten, bösen Boß.
Für ein miserables Geld arbeitete ich.
In der Fabrik.

Mein Vater wurde eines Tages, ich war gerade achtzehn,
ermordet. Man hängte ihn auf. Lynchte ihn.
Die ihn ermordeten, waren freie Menschen, genau wie er.
Denn er war in Amerika geboren, in den USA,
und jeder Amerikaner ist ein freier Mensch.

Meine Mutter starb bald darauf an Gram.
Sie konnten wir nicht beerdigen.
Wir bekamen keine Grabstelle auf dem Friedhof.
Schließlich verscharrten wir sie in einem Garten.

Ich war ein ruhiger Mensch. Das rettete mir mein Leben.
Meine Geschwister waren aufrührerischer. Sie wurden alle
ermordet.
Im Kampf um die Freiheit.
Sie kämpften um Freiheit, obwohl sie Amerikaner waren.
Obwohl sie frei geboren waren.

Ich lebte vierzig Jahre in unserer
Stadt.
Dann ereilte auch mich das Schicksal meiner Familie.
Ich wurde ermordet.
Ermordet, weil ich nach vierzig Jahren Unterdrückung
mehr Freiheit verlangte.
Obwohl ich ein Amerikaner war.
Obwohl ich frei geboren war.

Ich hatte aber nicht frei gelebt.

Denn ich war ein Neger.

[13.8.71]

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